Aufgaben, Funktionen und Arbeitsbereiche der SchamanInnen

Die Hauptaufgabe der Schamanen liegt in ihrer sozialen Funktion. Im Schamanismus steht nicht die persönliche Erleuchtung, die persönliche Transzendenz im Vordergrund, sondern der soziale, helfende und heilende Aspekt für die Gemeinschaft. Die persönliche und schamanische Entwicklung ist also nicht das eigentliche Ziel des Weges, sondern notwendige Voraussetzung für die Aufgaben und Tätigkeitsbereiche der Schamanen.

Schamanen und die Gemeinschaft - die soziale Qualität

Schamanen sind für das Wohlergehen der Gemeinschaft - den Clan, die Sippe, die Familie, das Totem, den Stamm, den Staat verantwortlich. Es ist ihre Aufgabe für die Funktionsfähigkeit der Einzelnen zu sorgen, damit alle ihre Aufgaben in der Gemeinschaft erledigen können. Erfüllen Einzelne die ihnen zugeteilten Aufgabe, so geht es der gesamten Gemeinschaft gut. Schamanen und Schamaninnen haben damit verschiedene beratende, schlichtende und entscheidungsrichtende Positionen zu tragen. Sie fungieren als Politiker, Berater, Häuptlinge, Interessensvertreter, Vermittler und Kämpfer und Hüter für Recht und Harmonie. Diese Aufgaben beschränken sich nicht nur auf die eigene Gemeinschaft, sondern gelten auch zwischen den Gemeinschaften. Und sie haben die Aufgabe ihre Gemeinschaft auch nach Außen hin funktionstüchtig zu halten und für Frieden und Schutz zu sorgen.

Schamanen und das Wissen - die lehrende Aufgabe

Schamanen sind die Träger der mythologischen Weisheit ihrer Gemeinschaft und Kultur. Sie stehen mit den Ahnen in Verbindung und kennt daher die Herkunft des Stammes. Andere Verbündete befinden sich in der Natur, weshalb der Schamane sich um einen ausgleichenden und harmonischen Austausch zwischen Gemeinschaft und Natur bemüht. Schamaninnen und Schamanen sind Ausbilder des schamanischen Nachwuchses, dem sie dieses Wissen über andere Welten, die Verbündeten, die Mythologie der Gemeinschaft, das Ritualleben und die schamanische Tradition weitergeben.

Schamanen und die heilerische Qualität

Schamanen sind durch ihre Verbundenheit mit dem Universum und der damit verbundenen Fähigkeit der Informationsbeschaffung Seher und Heiler. Sie sind Vermittler, Überbringer, Impulsgeber, Medium, Schaltstelle, Repräsentanten der Kraft, Bittende und in diesem Sinne verantwortlich für ihr Tun. Heilen tun die Verbündeten, die Spirits, die Universelle Kraft mit ihrem eigenen Wissen und Handeln, ihrer eigenen Intelligenz, das Göttliche, die Selbstheilungskräfte des Klienten.

Heilerfolg ist zurückzuführen auf diese Kräfte und nicht auf den Heiler oder dessen Ego - das Ich des Heilers hat im Hintergrund zu stehen. Der Schamane, nach dem Durchleben der eigenen Erfahrungs- Tod- und Sterbensprozesse schöpft aus der Quelle des Heils und überbringt die heilende Kraft dem Klienten und er oder sie ist nicht nur Heiler, sondern auch spiritueller Begleiter.
So lassen sich Schamanen aus der Geisterwelt die heilenden Substanzen zeigen, die sie aus der Pflanzenwelt zusammensuchen. Sie bekommen Hilfestellungen für heilende Maßnahmen in Form von Ritualen, Extraktionen oder fehlenden Seelen- und Kraftteilen, die sie den Menschen zurückbringen. Alle Informationen zu Diagnose, Vorgehensweisen, Methoden kommen von den Verbündeten oder beruhen auf wirkungsvollen, überlieferten Techniken und Ritualen, die die Geister einst den Menschen gegeben haben. Oftmals werden auch künstlerische Mittel von den Geistern zur Heilung eingesetzt, so dass Schamanen und Schamaninnen durch Lieder, Bilder, Tänze, Texte und Gedichte die Heilkraft übertragen und die Heilung der Menschen in Gang setzen.
Durch die Verbindung zu den Ahnen und Ahninnen der Gemeinschaft leisten die Schamanen Psychopomposarbeit. So können Ahnen und Ahninnen in Ruhe ihren Frieden finden und aus der Gemeinschaft treten oder mit ihr in Kontakt bleiben. Die Balance zwischen den Lebenden und Toten wird so gewahrt.

Schamane und die Harmonie - die Qualität der universellen Anbindung

Da Schamanen und Schamaninnen um die Verbundenheit zwischen Allen und Allem wissen, haben sie für das Gleichgewicht Sorge zu tragen. Sie setzen ihr Wissen für Harmonie und Ausgleich zwischen Mensch und Mensch, sowie zwischen Mensch und Gemeinschaft, als auch zwischen den Gemeinschaften untereinander ein. Sie halten ebenso die Balance zwischen den Menschen und den anderen Welten, den Geistern, den Ahnen aufrecht. Die Balance mit der schöpferischen Kraft des Universums, der anderen Wirklichkeit zu halten ist entscheidend für die Funktionsfähigkeit, das Fortbestehen und das Überleben der Gemeinschaft. Diese Mächte sind mitentscheidend über das Gelingen der Jagd, über die Fruchtbarkeit der Natur und die Ernte, somit über die Nahrung, das Überleben der Gemeinschaft. Wenn die Balance kippt, z.B. durch Regelbruch, Tabuverletzungen oder Unrecht, durch Missbrauch aus Gier, Machtstreben oder Allmachtsphantasien, durch den Bruch der Verbindung mit dem Schöpferischen, dem Göttlichen, der Natur, bekommen die Menschen Probleme. Die Götter ziehen sich zurück, sie versorgen die Menschen nicht mehr. Was wir heute an unseren Ozonlöchern, an Klimaveränderungen, der Vernichtung von Natur, aufgrund vielfältiger Um- und Innenweltverschmutzungen bemerken - oder auch nicht.

Die Ethik der Schamanen

Es besteht keine allgemein gültige Berufsethik für Schamanen und Schamaninnen. Sie arbeiten im Rahmen ihres Weltverständnisses in Verbundenheit mit dem Universum, den Verbündeten, geistigen Prinzipien und der Natur. Die persönliche Ethik der Schamanen und Schamaninnen bewegt sich großzügig auf der Breite zwischen Notwendigkeit und Nächstenliebe, zwischen Herz und Pragmatismus. Sie ist auch abhängig vom Verständnis von Recht, Moral, Werten und Normen und den ethischen Grundsätzen der jeweiligen Kultur und Gemeinschaft in der Schamanen leben und tätig sind.
SchamanInnen sind nicht zwangsläufig Asketen oder Heilige, Wunderheiler oder hochspirituelle Menschen. Sie sind überwiegend Menschen mit all dem, was Menschen ausmacht. Schamanen und Schamaninnen werden juristisch behandelt wie alle anderen auch, das bedeutet sie haben sich an Gesetze zu halten, z.B. Informationsweitergabe, Datenschutz, oder Schutz der Persönlichkeit. Schamanen und Schamaninnen handeln andererseits de facto im Rahmen ihrer individuell entwickelten Ethik.

Die Paradigmen der alltäglichen Welt und die der schamanischen Welt können sehr verschieden sein. Die Regeln, nach denen sie funktionieren sind unterschiedlicher Natur. Die Kriterien von Macht und Profit, von Geiz, Gier und Geld, von Neid, Hass und Eifersucht machen auch vor den Schamanen nicht von selber Halt. SchamanInnen brauchen eine klare ethische Definition ihres Handelns und ein sauberes Wertesystem um den Gefahren der Instrumentalisierung oder des Missbrauchs durch Auftraggeber, Klienten oder der eigenen Überheblichkeit, dem eigenen Verlangen und den eigenen Wunschvorstellungen oder Projektionen zu entgehen. Es besteht die Gefahr, dass die Möglichkeiten schamanischen Tuns für Zwecke dieser Art herangezogen werden. Wenn Schamanismus für das Anliegen einer Person eingesetzt, und in dem Sinne missbraucht wird, dass er anderen schadet, ist das Misstrauen gegen die Methode das logische Resultat. Schamanische Arbeit steht immer in einem größeren Zusammenhang mit den divergierenden Kräften des Universums und der schöpferischen oder göttlichen Kraft. Durch diese Verbundenheit mit dem Universum und der Geisterwelt sind SchamanInnen Teil der universellen Kräfte, die ihre Gültigkeit einfordern.

Die Ethik der Verbündeten

Die Welt der Veründeten ist mit den irdischen Phänomenen von Zeit und Raum nicht vertraut, noch kennt sie moderne ethisch-moralische Vorstellungen oder juristische Normen. Die Vorhaben aus der Spirits entsprechen nicht immer den Standards unserer Gesellschaft oder den modernen, therapeutisch geprägten Wertevorstellungen. Deshalb sind die Schamanen dafür verantwortlich, die Handlungsvorschläge und Informationen aus der nichtalltäglichen Wirklichkeit in Stimmigkeit mit der alltäglichen Welt zu bringen. Es bedarf hierfür eines guten Kontakts zwischen den Schamanen und den Verbündeten, gutes Verhandlungsgeschick und einer Wachsamkeit, die die Sprache der Geister adäquat in den jeweiligen Kontext übersetzen und darin einbinden kann. Den Verbündeten wird vertraut, aber der Schamane muss wissen wem er vertraut. Der Grundsatz, der per se hinter schamanischem Handeln stehen sollte lässt sich mit einem Wort fassen: Makellosigkeit - die gleichzeitige Stimmigkeit des Handelns in beiden Welten und der Blick auf das Ganze.

Die Ethik des Ganzen

Schamanen sollten immer in Verbundenheit mit den universellen Kräften, der Leidenschaft, dem Mitgefühl, der Liebe und dem geheilten Herzen handeln. Sie können sich letztlich aus der kosmischen Verbindung nicht lösen, da sie ihre Kraft verlieren würden.
Das bedeutet, dass Schamanen mit diesen Kräften arbeiten, sie einsetzen und benutzen können, jedoch nur in dem Rahmen, der ihnen gesteckt ist. Schamanen und Schamaninnen haben mit diesen Kräften umzugehen, zu kommunizieren und zu verhandeln, damit sie die Informationen und Hilfestellungen adäquat in unserer Zeit, in diese Welt bringen können.
Sie sind die Mittler, da sie sich in beiden Welten auskennen, sie handeln in einem Spannungsfeld von Raum- und Zeitlosigkeit versus Raum-Zeit-Begrenzung, von linearer Abfolge von Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft versus der Aufhebung dieser und der Möglichkeit Dinge zu beeinflussen, zu ändern, neue Wege zu erschaffen. In dieser Eingebundenheit und gleichzeitig universeller All-Einsamkeit muss der Schamane, die Schamanin ihre Entscheidungen treffen.